Das Geisterschiff

„Mein Muslim, dein Muslim – wie das Bild vom Islam in der Öffentlichkeit entworfen wird“ – Podiumsdiskussion im Rahmen der Reihe „Streitraum“ an der Berliner Schaubühne.

Schaubuehne Streitraum

Kapitän: Sabine Schiffer mit ihrem „Institut für Medienverantwortung“
Steuerfrau: Carolin Emcke, investigative Journalistin
Leichtmatrosin: Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin mit Zahlenschwäche
Schiffsjunge: Prof. Dr. Rainer Geißler, Soziologe von der Uni Siegen
Passagiere: ca. 300 Zuhörer, zumeist aus der Westberliner Kulturschickeria.

 

Vorspiel: Schwere Schlagseite

Verwunderlich war vor Beginn gleich zweierlei: zunächst einmal die symbolträchtige Einrahmung des Podiums durch Dutzende überdimensionierter Kopfkissen, die sich als Kulissen des gerade in der Schaubühne laufenden Theaterstücks „Lulu – die Nuttenrepublik“ entpuppten, dann natürlich die extrem einseitige Besetzung des Podiums – 100% Islamlobby, einschließlich Moderatorin Carolin Emcke (ihr ZEIT-Artikel „Liberaler Rassismus“ vom 25.2.2010).

Die nahm möglichen Einwänden vorab gleich den Wind aus den Segeln: die Bezeichnung „Streitraum“ für ihre Diskussionsreihe sei eigentlich ein Etikettenschwindel, denn „es geht uns nicht um die Inszenierung von Konflikten, sondern um eine sachliche Erörterung von Themen, die uns bewegen“.

Als „lockerer Einstieg“ prasselte nun eine Reihe von Fragen auf das Publikum nieder:

„Was meinen Sie, wie viele Muslime leben in Deutschland?“
„Eine Million“, schallte es zurück. „Acht Millionen, drei Millionen…“
„Es sind genau 4,6 Millionen“, klärte Emcke auf. „Ist nicht schlimm, ich wusste es auch nicht. Und wie viele der muslimischen Frauen tragen ein Kopftuch? Hat keiner eine Idee? Ist nicht schlimm, es sind 28%. Und nimmt diese Zahl in der zweiten Generation ab oder zu? Sie nimmt signifikant ab!“

 

1. Akt: Positive Konstrukte statt negativer Realität

Auftritt Naika Foroutan, iranischstämmige Vorzeigemuslima und selbsternannte Anti-Sarrazin-Aufklärerin: Sie sammele auf der Homepage ihres Projekts „Heymat“ alle möglichen Studien über Muslime in Europa, 90 seien es bisher, erst seit dem Integrationsgipfel 2006 seien Schlagworte wie „Parallelgesellschaft“, „Zwangsehen“ oder „Ehrenmorde“ aufgekommen, als Untersuchungsgegenstände dieser Studien.

Damit klang eines der Leitmotive der Veranstaltung an, das von jedem der Teilnehmer auf seine spezifische Weise variiert werden sollte: all die hässlichen Dinge, die man den Muslimen bzw. dem Islam so nachsagt, sind für sie „Konstrukte“ von Studien, Medien oder Politikern. Will man das Bild vom Islam positiver und integrationsfördernder gestalten, braucht man eben positivere Konstrukte. Die äußere Realität – der Vormarsch des radikalen und gewalttätigen Islams in vielen Teilen der Welt, Attentate und Selbstmordanschläge, die muslimische Massenzuwanderung nach Westeuropa – spielte weder in der mentalen Parallelwelt der vier Podiumsteilnehmer noch – wie sich später zeigen sollte – für das ebenfalls sehr spezielle Publikum irgendeine Rolle.

Auftritt Geißler: „Das Islam-Bild in unseren Köpfen wird maßgeblich von Medienbildern geprägt.“ Auch hier: Die keineswegs immer positiven Erfahrungen der Bevölkerung im alltäglichen Zusammenleben mit Muslimen spielen keine Rolle. Wieso? Meine These: weil die Diskutanten das Alltagsleben der Bevölkerung weder kennen noch kennen lernen wollen.

Auftritt Sabine Schiffer, nachdem sie von Emcke die folgende Frage gestellt bekam: „Mit welchen Methoden untersucht Ihr Institut für Medienverantwortung die Berichterstattung der Medien über den Islam?“ Die Medien würden lügen, erläuterte Schiffer, durch ihre Auswahl an Fakten oder durch eine unnötige Dramatisierung von Begriffen. „Wir haben festgestellt, dass Artikel über Probleme oft mit Fotos von Kopftuchfrauen illustriert werden, während man etwa bei Berichten über positive Entwicklungen gern Muslimas ohne Kopftuch zeigt.“

Diese Frau muss man live erleben! Wie sie es schafft, wortreich und mit Dauerlächeln über eine Frage hinwegzugehen, auszuweichen, wegzuglitschen, das ist schon eine Klasse für sich! Eindeutig die routinierteste Schauspielerin in der Runde!

Der Soziologe sekundierte: Laut einer Umfrage würde eine Mehrheit der Bevölkerung beim Stichwort Islam an „Benachteiligung der Frau“, „Fanatismus“ oder „Gewaltbereitschaft“ denken. Seine eigene Studie habe ergeben, dass drei Viertel der untersuchten BILD- und SPIEGEL-Artikel negativ berichten würden, so entstünden zwei stereotype Zerrbilder, nämlich das des gewalttätigen jungen Mannes und das der entrechteten Kopftuchfrau. Als Beleg führte Geißler SPIEGEL-Titelbilder vor, die sich auf das Attentat auf die pakistanische Regierungschefin Benazir Bhutto, auf die Sauerland-Bomber, den Karikaturen-Streit und das Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezogen.

Schaubuehne - AußenwerbungJa, hat sich denn der SPIEGEL all die Attentate von Al-Kaida, die dramatische Destabilisierung der Atommacht Pakistan oder die Versuche islamistischer Kreise, das Grundgesetz auszuhöhlen, nur ausgedacht? Oder genügen die Medien einfach ihrer selbstverständlichen Berichtspflicht über die Realität? Aber so kommt man jemandem nicht bei, für den Realität nur ein „Konstrukt“ ist. Maßgeblich ist nicht, ob etwas „wahr“ oder „real“ ist, sondern, so der Soziologe in dankenswerter Offenheit: „Muslime fühlen sich durch diese Berichterstattung ausgegrenzt, daher ist sie eindeutig integrationshemmend.“

 

2. Akt: ICH und die ANDEREN

„Ich als Journalistin“, plusterte sich Moderatorin Emcke auf „weiß ja nun, wie in Nachrichtenredaktionen gedacht wird. Dort ist die Meinung sehr verbreitet, dass es gerade Aufgabe der Medien sei, vorrangig über Missstände zu berichten und nicht über das, was gut läuft. So wird es ja eigentlich auch gegenüber der katholischen Kirche bei den Berichten über die Missbrauchsfälle praktiziert. Ein weiteres Argument in den Nachrichtenredaktionen lautet: Den Leser dort abholen, wo er steht, wir müssen die Ängste der Bevölkerung ernstnehmen.“

Über andere Gruppen werde ausgewogener berichtet als über die Muslime, widersprach Geißler. In den Redaktionen werde nach der zynischen Formel verfahren: Only good news is bad news. „Aber gilt das nicht für alle Gruppen?“, hakte Emcke nach. Schiffer griff ein: Wieso werde zum Beispiel im Zusammenhang mit Muslimen immer ganz groß von „Razzien“ berichtet, wenn bei diesen Razzien gar nichts gefunden werde? Dieses entlastende Moment werde dann jedoch unterschlagen. Unser negatives Islambild sei schon 30 Jahre alt und maßgeblich von der Islamischen Revolution im Iran und dem Roman „Nicht ohne meine Tochter“ geprägt. Der 11. September habe gar keine qualitative Veränderung in der Berichterstattung gebracht, es werde nur sehr viel mehr berichtet, eine Medienmaschinerie sei da im Gange, die sich aus sich selbst heraus speise.

Das habe auch mit der veränderten Selbstwahrnehmung der Deutschen und dem fortwährenden Gegensatzpaar ICH – der ANDERE zu tun, ergänzte Foroutan. Früher hätten sich die Deutschen für sauber, ordentlich und pünktlich gehalten und die Türken demgegenüber für schmutzig, unordentlich und chaotisch. Heute hingegen gerierten sich die Deutschen als „aufgeklärt“. Die Stereotypen hätten also gewechselt, aber der Gegensatz ICH – der ANDERE sei geblieben. In den Printmedien arbeiteten nur drei Prozent Migranten, obwohl es nach ihrem Bevölkerungsanteil 20 Prozent sein müssten, dann würde sich auch die Berichterstattung über den Islam ändern.

Die Sozialwissenschaftlerin steht mit Zahlen und Statistiken auf Kriegsfuß, das ist ja mittlerweile allgemein bekannt. Geht es um die muslimische Masseneinwanderung, behauptet sie, es gebe nur drei Prozent Muslime in Deutschland. Fordert sie hingegen „Teilhabe“, kann der muslimische Bevölkerungsanteil überhaupt nicht hoch genug sein. Und hatte sie bei der TV-Diskussion über Sarrazin noch von 27 Prozent türkischen Abiturienten gesprochen, erzählte sie nun auf dem Podium, in NRW machten 30 Prozent der Muslime Abitur und erzielten geradezu unglaubliche Bildungserfolge – was aber machten die Zeitungen daraus: „Ein Drittel aller Muslime sind Hartz 4-Empfänger!“

 

3. Akt: „Pressekodex 12.1“

„Trotzdem bleibt mir als Journalistin eine Frage“, würgte Emcke die Zahlenjongleuse ab. „Wann müssen wir die Differenz der Anderen anerkennen, wenn wir ihnen mit Respekt begegnen wollen, und wann müssen wir über die Differenz hinweggehen, wenn wir ihnen mit Respekt begegnen wollen?“

Spätestens hier wurde offenbar, dass aus der im Gegensatz zur verbiesterten Foroutan noch jung und frisch wirkenden Carolin Emcke niemals eine WIRKLICH kritische Journalistin werden kann. Dazu ist sie zu stark infiziert von Sprache und Denken der Political Correctness, hat sich dieser freiwillig und ohne erkennbare Not unterworfen. Hinter all der gespielten Lockerheit und Forschheit schimmerte bei jedem ihrer Wortbeiträge die Angst hindurch, etwas „Falsches“ zu sagen, was Muslime oder deren Lobbyisten missverstehen könnten. Daher dieses bis zur Unkenntlichkeit verbrämte und verklausulierte Orwell’sche Neusprech. Ach Carolin, in der DDR hättest Du bestimmt Karriere gemacht, in diesem Leben aber dürfte es für Dich schwierig werden, Dich noch einmal aus dem Gestrüpp der kreativitätstötenden Denk- und Sprechverbote zu befreien. In normalem Deutsch, das sie und ihresgleichen verachten, wahrscheinlich weil es zu nahe am „Volk“ ist und daher unter NS-Verdacht steht, sollte Emckes Frage wohl lauten: Wie weit darf die Kritik an Muslimen gehen?

Schaubuehne MannschaftAls Erste antwortete Schiffer und verwies auf den „Pressekodex 12.1“, wo es um den Begriff Relevanz gehe: „Etwas ist passiert, der Täter war ein Jude oder ein Ossi – aber ist das relevant?“ „Woran machen Sie Relevanz fest?“, fragte Emcke. Schiffer faselte von „Gruppenzuweisungen“ und Kontext-Abhängigkeiten und landete plötzlich beim Karikaturenstreit. Die Mohammed-Karikaturen seien eben keine Satire gewesen, denn zur Satire gehöre immer der Selbstbezug. „Doch diese Karikaturen hatten nichts mit uns zu tun, sondern richteten sich gegen eine andere Community.“ „Aber dann dürfte Harald Schmidt ja gar keine Witze mehr machen“, rutschte es Emcke heraus, die mit der nächsten Frage an Foroutan ihren ganzen Mut zusammennahm: „Wie sähe eine berechtigte Islamkritik aus?“ Die Heitmeyer-Studie habe ergeben, lautete die verblüffende Antwort, dass die größte Kritik am Islam von den Muslimen selbst geübt werde. „Die Selbstkritik in der islamischen Welt ist sehr, sehr groß, und das ist auch messbar!“ Emcke schien mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden: „In Berlin gibt es ein schwules Überfalltelefon, das massiv kritisiert wurde, weil es bei manchen Übergriffen gegen Homosexuelle darauf hinwies, dass die Täter arabisch ausgesehen oder möglicherweise einen muslimischen Hintergrund gehabt hätten – gehört so etwas zu Berichterstattung?“

Schiffer verwies erneut auf „Pressekodex 12.1“ und empfahl, die Gruppenzugehörigkeit wegzulassen, weil es sonst einen Zusammenhang suggeriere, der nicht gegeben sei. „Pressekodex 12.1 sagt aber auch“, widersprach überraschend der Soziologe, dass die Gruppenzugehörigkeit genannt werden soll, wenn solche Überfälle von einer bestimmten Gruppe sehr häufig begangen werden.“

Bevor sich im „Streitraum“ der Schaubühne so etwas wie ein winziger Dissens ausbreiten konnte, beschwichtigte Emcke wieder: „Ich habe das nur gefragt, um klarzumachen, wie kompliziert diese Fragen sind. Ich würde auch durchaus sagen, dass es bei der Berichterstattung über den 11. September eine Relevanz hatte, den Hintergrund zu untersuchen. Da stecken nicht immer nur rassistische Strategien dahinter.“

Was für eine bahnbrechende Erkenntnis: Es war nicht rassistisch, über den islamistischen Hintergrund der Attentäter vom 11. September zu berichten. Danke, Carolin, Tausende Journalisten in aller Welt dürfen sich von dem schwerwiegenden Vorwurf des Rassismus entlastet fühlen!

 

4. Akt: Die Banker sind schuld

Wie aus Angst vor der eigenen Courage nannte Emcke nun das Reizwort „Islamophobie“, eine Vorlage, die Foroutan dankbar aufgriff: Prof. Heitmeyer von der Uni Bielefeld habe bei seinen Untersuchungen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Hier die Aktion der PI-Gruppe Berlin) festgestellt, dass islamophobe Tendenzen immer mehr zunähmen und das nicht nur bei Ungebildeten, sondern in der Mittelschicht. Dabei gelte die Regel: je weniger Kontakt zu Muslimen, desto islamophober. Ursache seien natürlich die Finanz- und Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Abstiegsängste der Mittelschicht. Hier versage auch die Politik. So habe Innenminister de Maizière zwar die Brandanschläge auf Berliner Moscheen verurteilt, aber gleich hinzugefügt, es gebe auch viel Gewalttätigkeit unter Muslimen.

Soziologe Geißler lobte hingegen den früheren NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU), der immer die Erfolge der Migranten herausgestellt habe. Das wäre in der jetzigen Wirtschaftskrise, gab Schiffer zu bedenken, vielleicht sogar kontraproduktiv, wenn man die vielen erfolgreichen Migranten hervorheben würde, „85 Prozent sind es, glaube ich“.

schaubuehne_streitraum3„Liegt denn ein Teil der Probleme auch in der schlechten Kommunikation der Muslime selbst?“, fragte Emcke. „Auf Aktion folgt Reaktion“, entgegnete Foroutan. Die Antiposition Muslime – Deutsche müsse endlich aufgebrochen werden, die Ersteren müssten endlich als selbstverständliche Akteure in Deutschland ernstgenommen werden. Probleme seien als schichtspezifische oder genderspezifische Probleme anzugehen.

 

5. Akt: Der kleine Moritz ist schuld

Eigentlich sollte Schiffer noch über den Einfluss des Internets (soll wohl heißen: der islamkrischen Blogs) auf das Islambild referieren, doch dafür reichte die Zeit nicht. Stattdessen durfte das Publikum Fragen stellen.

Eine angebliche Lehrerin aus Kreuzberg mit weinerlicher Stimme: „Man hat festgestellt, dass die Gewaltbereitschaft muslimischer Jungen stark sinkt, wenn sie schon als Sechsjährige zu den Kindergeburtstagen ihrer deutschen Spielkameraden eingeladen wurden. Aber leider erlebe ich, dass viele Kreuzberger Eltern Muslime als eine Bedrohung für die Bildung ihrer Kinder ansehen.“ Darauf Foroutan: „Pfeiffer hat ja in seiner Studie festgestellt, wenn Mehmet mit Moritz im Sandkasten spielt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mehmet gewalttätig wird, viel geringer. Nun haben aber in Frankfurt am Main bereits 72 Prozent aller Kinder einen Migrationshintergrund. Also müsste man den Satz von Pfeiffer entsprechend umformulieren: Wenn Mehmet mit Ali im Sandkasten spielt… – Ja, Deutschland wird vielfältiger!“ Emcke: „Ach so, ich dachte, die Pointe wäre: Wenn Mehmet mit Moritz im Sandkasten spielt, wird Moritz später nicht gewalttätig…“

In die allgemeine Harmonieduseligkeit platzte die einzige kritische Frage einer Zuhörerin, die ein bezeichnendes Licht auf Schiffers „Institut für Medienverantwortung“ warf: Sie habe im Blog Hagalil von einem Briefwechsel zwischen einer Ramona Ambs und Schiffer gelesen. Schiffer habe in einem Artikel vom 31.8.2010 folgendes geschrieben:

Jedoch sind es in der Tat inzwischen nicht wenige jüdische Organisationen, die dem gezielt gelegten Missverständnis aufgesessen sind, dass sie mit der Verbreitung des antiislamischen Rassismus im Sinne Israels handeln würden. So mischen sich zunehmend Israel-Fahnen selbsternannter „Israel-Freunde“ mit antiislamischen Hetzkampagnen, deren Argumentationen aus den Hochzeiten des Antisemitismus eigentlich bekannt sein müssten…

Nicht wenige jüdische Organisationen verbreiten antiislamischen Rassismus? Da musste Ramona Ambs nachfragen. Die Antwort von Schiffer kam noch am selben Tag und war von entwaffnender Ehrlichkeit: „Ehrlich gesagt, kann ich gar nicht belegen, ob die Richtung, die ich dem Wirken des antiislamischen Spins gebe, so stimmt – aber da ich ja viel von Muslimen rezipiert werde, habe ich das einfach – strategisch – so beschlossen.“

„Wenn Sie diffamierende Behauptungen, die Sie nicht belegen können, einfach strategisch beschließen“, folgerte die Fragestellerin, „darf ich dann als Motto für Ihr kleines Privatinstitut formulieren: Forschung on demand – ich schreibe das, wofür mich meine Auftraggeber bezahlen?“

Au weia! Das war eine ebenso anspruchsvolle wie boshafte Frage. Erstmals ging so etwas wie ein irritiertes Raunen durchs Publikum, und auch Emcke machte kein glückliches Gesicht, schien ihr doch plötzlich zu schwanen, wen sie da in ihren „Streitraum“ geladen hatte. Doch Schiffer ließ auch diesen Angriff an sich abperlen, bedankte sich strahlend für die Frage, bestätigte die Richtigkeit des Zitats, erklärte, sie habe damit jüdische Organisationen vor einer weiteren Eskalation „schützen“ wollen und ließ sich abschließend lang und breit über „Zionisten“ in den USA und anderswo aus, ohne dass sich irgendjemand daran störte.

Für den Schiffer’schen Antisemitismus war dieses Publikum längst viel zu abgestumpft. „Islamhass“ heißt der neue Auslöser für das übliche Pawlow’sche Betroffenheitsgetue, und wenn Schiffer diesen Leuten erklärt hätte, dass die neuen Nazis in Israel wohnen, hätte es wahrscheinlich zustimmende „Nazis raus!“-Sprechchöre gegeben.

Wie es auch spontanen Beifall für die nächste Frage eines jungen Antifa-Kämpfers gab: „Sind Sie auch der Meinung, dass unsere Regierung durch die ständige Ausgabe von Terrordrohungen Angst schüren und das Feindbild Islam aufrechterhalten will?“

Da aber war es mit meiner Aufmerksamkeit endgültig geschehen. Ich musste an die frische Luft, und zwei Minuten später war die Veranstaltung sowieso zu Ende.

 

Nachbetrachtung: Es ist doch schlimm!

„War ja grausam!“, meinten die Mitglieder meiner Bezugsgruppe hinterher beim Kaffee. „Nur die Moderatorin hat ein bisschen dagegen gehalten.“

Naja, Schiffer ist ein grienender Teflon-Panzer und Neusprech-Roboter, Geißler ein unverbesserlicher Alt-68er-Gutmensch, der in ein paar Jahren und nach ein paar weiteren „Studien“ über „Islamophobie“ in Rente gehen wird, Foroutan eine fanatische Ideologin der „neuen Deutschen“, nach dem Motto: „Jetzt sind wir schon 20 Prozent, und bald sind wir sogar 70 Prozent, ätsch, und ihr könnt nichts dagegen tun!“

Emcke war die einzige in dieser Runde, die sich noch einige wenige nachvollziehbare Regungen erhalten hat: ihr kindlicher Geltungsdrang („Ich als Journalistin“) und Reste von Auflehnung gegen den selbstgewählten PC-Käfig machten sie menschlich. Hoffnung für sie kann man dennoch nicht haben. Sie war Kriegsreporterin, kennt die Welt, kann gut schreiben, ist intelligent – und trotzdem schleimt sie sich an die Islamlobby ran. Das ist nicht zu verstehen. Und auch ihre nächste Veranstaltung im „Streitraum“ verheißt nichts Gutes: „Muslime und Homosexualität – oder die doppelte Diskriminierung“. Ich wette einen Kasten Bier, dass es bei dieser Veranstaltung NICHT um die verbreitete muslimische Homophobie in Deutschland gehen wird (wenn doch, dann nur in pc-verträglichen Minidosen), sondern um die „Diskriminierung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft“ – stimmts, Carolin?

Ein paar Fragen blieben ungestellt: Ist es nicht so, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime sich gar nicht über deutsche Medien, sondern vielmehr über HÜRRIYET oder AL-JAZEERA informiert? Und ist das Bild, das die muslimischen Medien von Deutschland und den Deutschen zeichnen, der Integration förderlich? Diese Frage würde mich brennend interessieren, aber die untersucht keines der zahlreichen Institute, die davon leben, immer neue Studien über „Diskriminierung“ und „islamfeindlichen Rassismus“ auf den Markt zu werfen. Denn die Antworten darauf könnten unangenehm sein und dazu führen, dass die von der Islamlobby entmündigten Muslime in Deutschland ihre eigenen „Bilder in den Köpfen“, ihre eigenen Stereotype und Vorurteile hinterfragen und sich der eigenen Verantwortung für ihre Integration in die deutsche Gesellschaft stellen müssten. Und das würde große Teile der Integrationsindustrie schlicht arbeitslos machen.

Schaubuehne - ZuschauerraumNein, Foroutan, Schiffer und Emcke betreiben eine systematische Umwertung der Begriffe, zwecks Konstruktion ihrer „schönen neuen Welt“ und im Dienste der Islamisierung Westeuropas: „Aufklärung“, behaupten sie rotzfrech, sei zu einem reaktionären Kampfbegriff der Islamfeinde geworden, mit „Migranten“ sind immer nur die Muslime gemeint (außer den wirklich kritischen Muslimen und Musliminnen, die werden zum Dank für ihren Mut noch als „Hetzer“ diffamiert), und mit ihrem Projekt „Heymat“ ist Foroutan intensiv bemüht, die Begriffe „Deutschland“ und „Deutsche“ von ihren traditionellen Inhalten zu befreien und mit neuen, muslimischen zu füllen.

„Ist nicht schlimm!“ – Doch, Carolin, es ist schlimm, dass Du glaubst, man dürfe sich in „Streiträumen“ nicht streiten. Es ist schlimm, dass die Islamlobby in Deutschland mit lautem Getöse vor „Islamophobie“ warnt, während in Ägypten die Kopten massakriert, in vielen islamischen Ländern „Ungläubige“ verfolgt, in manchen Berliner Bezirken Juden, Homosexuelle und ganz normale nichtmuslimische Jugendliche berechtigte Angst haben, von sich auf den Islam berufenden Macho-Gangs überfallen zu werden.

Und deshalb ist es auch schlimm, wenn das Geisterschiff in dem Nebel stochert, den es vorher selbst produziert hat. Denn dieses Geisterschiff erhebt den maßlosen und durch nichts gerechtfertigten Anspruch, für uns alle den Kurs zu bestimmen.


Dieser Beitrag ist am 26. Januar 2011 bei PI-News erschienen